Wie stand Christopher Marlowe zur Kirche und zum Protestantismus und Katholizismus?
Christopher Marlowe (1564–1593), einer der bedeutendsten Dramatiker der elisabethanischen Ära, hatte ein komplexes und oft umstrittenes Verhältnis zur Kirche sowie zu den konfessionellen Strömungen seiner Zeit – dem Protestantismus (insbesondere der anglikanischen Staatskirche) und dem Katholizismus. Seine Haltung lässt sich anhand seiner Werke, zeitgenössischer Berichte und der historischen Umstände wie folgt zusammenfassen:
1. Historischer Kontext: Religiöse Spannungen
- Marlowe lebte in einer Zeit heftiger religiöser Konflikte: England war unter Elisabeth I. protestantisch, doch es gab Geheimnetzwerke von Katholiken sowie Verdächtigungen gegen "Atheisten" und Freidenker.
- Die anglikanische Kirche war etabliert, aber Katholiken wurden verfolgt (z. B. nach der spanischen Armada 1588). Marlowe selbst wurde mit "Papismus" (Katholizismus) und Atheismus in Verbindung gebracht.
2. Marlowes Werke: Kritik und Provokation
- In seinen Stücken zeigt Marlowe oft skeptische oder ironische Haltungen gegenüber religiösen Institutionen:
- "Doctor Faustus" (um 1592): Die Figur Faustus rebelliert gegen orthodoxe Theologie, stellt göttliche Strafe infrage und flirtet mit blasphemischen Ideen (z. B. Pakt mit dem Teufel). Die Darstellung von Papst und katholischen Riten im Stück ist satirisch und kritisch.
- "The Massacre at Paris" (1593): Hier thematisiert er die Bartholomäusnacht (1572), ein Massaker an Protestanten in Frankreich. Die Darstellung der Katholiken ist negativ, doch Marlowe zeigt auch die Brutalität beider Seiten.
- Seine Texte deuten auf eine Distanzierung von dogmatischem Glauben hin, ohne sich klar einer Konfession zuzuordnen.
3. Persönliche Verdächtigungen
- Marlowe wurde 1593 in einem Bericht des Spions Richard Baines als "Atheist" denunziert. Ihm wurden Aussagen zugeschrieben wie: "Alle Religionen seien nur menschliche Erfindungen" oder dass Christus ein Betrüger gewesen sei. Ob diese Anschuldigungen wahr waren, ist unklar, aber sie spiegeln seinen Ruf als Provokateur.
- Er hatte Verbindungen zu Sir Walter Raleighs "School of Night", einem Kreis von Intellektuellen, die für freidenkerische und möglicherweise atheistische Ansichten bekannt waren.
- Gleichzeitig gibt es Spekulationen, dass Marlowe als Spion für die Krone arbeitete – möglicherweise auch in katholischen Kreisen, was seine Haltung noch rätselhafter macht.
4. Zwischen Protestantismus und Katholizismus
- Protestantismus: Marlowe nutzt in seinen Stücken protestantische Polemik gegen den Katholizismus (z. B. Spott über Reliquienkult in "Faustus"). Doch seine Kritik an religiöser Heuchelei trifft auch die Anglikaner.
- Katholizismus: Obwohl er katholische Figuren oft negativ darstellt, gibt es Hinweise, dass er mit katholischen Sympathisanten in Kontakt stand. Sein früher Tod (Mord 1593) könnte mit politisch-religiösen Intrigen zusammenhängen.
5. Fazit: Skeptizismus und Subversion
Marlowe scheint weder ein überzeugter Protestant noch ein heimlicher Katholik gewesen zu sein. Stattdessen deutet vieles auf einen radikalen Skeptizismus hin, der Autorität – sei es der Kirche oder der Bibel – infrage stellte. Seine Haltung war wohl geprägt von humanistischem Freigeist und dem Wunsch, religiöse Hypokrisie zu entlarven. Dies machte ihn zu einer gefährlichen Figur in einer Zeit, in der religiöse Abweichung als Staatsverrat galt.
Quellen für Vertiefung:
- David Riggs: The World of Christopher Marlowe (2004)
- Charles Nicholl: The Reckoning: The Murder of Christopher Marlowe (1992)
- Textanalyse von Doctor Faustus (A- und B-Text-Versionen) hinsichtlich religiöser Ambivalenz.